Mächtig schlapp

Wenn der Frühling kommt, erwacht die Natur, es blüht und grünt. Doch so machen Zeitgenosse fühlt sich dann abgeschlagen und matt.

Etwa im Jahr 400 vor Christus sollen sich bereits Gelehrte mit der Frage befasst haben, in welchem Masse das Wetter und das Licht die Stimmung und das Leben der Menschen wohl beeinflussen könnten. Das Spektrum der Hypothesen reichte damals angeblich von Befindlichkeitsstörungen über Wetterfühligkeit bis hin zu einer regelrechten Wetterkrankheit. Doch wie werden diese Beschwerden, die nicht eben wenigen Menschen zu schaffen machen, eigentlich aus heutiger Sicht bewertet? In der Medizinmeteorologie gibt es keine eigenständige „Wetterkrankheit", Vielmehr definiert man Wetterfühligkeit als eine vorübergehende, leichtere Beeinträchtigung des körperlichen Befindens bei disponierten, das heisst entsprechend veranlagten Menschen. Die Wetterempfindlichkeit hingegen gilt als eine Erscheinung mit gesundheitlichen Beschwerden im Sinne eines Krankheitsempfindens. In Umfragen gaben immerhin fünf bis 15 Prozent der Teilnehmer an, unter derartigen Symptomen zu leiden. Zu guter Letzt ist noch die Meteorotropie zu nennen, die Reaktionen des Organismus beschreibt, welche sich auf nicht alltägliche Wettereinflüsse zurückführen lassen. Hierzu zählen z. B. der schnelle Temperaturanstieg, Kaltfrontdurchgänge oder der Föhn in der Alpenregion. Die Meteorotropie wird auch mit der Meteoropathologie gleichgesetzt, die sich ebenfalls mit Pflanzen, Tieren und deren „Wetterfühlen" befasst. Unsere Stimmung wird ganz besonders von zwei Hormonen beeinflusst: Serotonin und Melatonin. Das auch als Glücks- oder Wohlfühlhormon bekannte Serotonin gehört zu jenen Botenstoffen, die in vielen Bereichen unseres Stoffwechsels eine wichtige Rolle spielen. Der Neurotransmitter steuert u. a. das Schmerzempfinden, die Gedächtnisleistung und das Essverhalten. Zudem beeinflusst Serotonin zahlreiche psychische und emotionale Empfindungen.

 

Saisonale Schwankungen

Leider ist der Serotoninspiegel wie der von anderen Hormonen nicht frei von einer gewissen jahreszeitlichen Beeinflussung. Schon lange hat man vermutet, dass der Botenstoff seinen Teil zur Verschlechterung der Stimmungslage im Winter beiträgt. Bei der allgemeinen Depression steht ein verringerter Pegel dieses Hormons schon lange unter Verdacht, eine wesentliche Rolle zu spielen. Hier gibt es allerdings wirksame Medikamente, die den Serotoninspiegel erhöhen. Diese werden z. B. erfolgreich bei der Therapie von Depressionspatienten eingesetzt. Doch ein Stimmungstief kann auch jahreszeitlich bedingt sein. Vor etwa zehn Jahren wurde durch kanadische Forscher nachgewiesen, dass der Serotoningehalt in den Nervenzellen saisonal bedingt schwankt und dabei im Winter deutlich niedriger liegt als im Sommer. Parallel dazu verändern sich entsprechend die Laune und auch der effektive Wachheitszustand.

Das Schlafhormon Melatonin wiederum bildet sich vermehrt in der Dunkelheit und beeinflusst dabei unseren Tag-Nacht-Rhythmus. Ein Mangel sorgt für Schlaflosigkeit und schlechte Laune. In der dunklen Jahreszeit erreicht die Melatoninausschüttung hingegen ihren Höhepunkt und kann zu Schläfrigkeit, aber auch zu Depressionen führen. Problematisch ist zudem, dass die in Europa eingeführte Zeitumstellung die durch die natürlichen Lichtverhältnisse verursachten Beschwerden begünstigt - zumindest bei Personen, die auf diese äusseren Einflüsse reagieren. Chronobiologen sprechen auch davon, dass dadurch unsere „innere Uhr" aus dem Takt kommt.


Ursache Hormonumstellung

Unser Körper vollzieht sowohl im Frühling als auch im Herbst eine generelle Hormonumstellung. Diese geht zu Lasten der körperlichen Reserven. Der Körper regelt im Frühling seinen Hormonspiegel nach und setzt Endorphine sowie die Sexualhormone Östrogen und Testosteron frei. Dieser Effekt wird im Volksmund gerne auch als „Frühlingsgefühle" bezeichnet. Allerdings stellt diese Umstellung eine erhebliche Belastung für den Organismus dar, der darauf mit Abgeschlagenheit - der allseits bekannten Frühjahrsmüdigkeit - reagiert.

In den kälteren Monaten hingegen verlangsamt sich der Stoffwechsel, wodurch auch die Aufnahme von Nährstoffen aus der Nahrung erschwert wird. Auf diese zahlreichen und sehr unterschiedlichen Einflüsse reagiert unser Körper mit einer wachsenden Müdigkeit. Um eine Krankheit im klassischen Sinn handelt es sich hierbei jedoch nicht. Eher könnte man diese Reaktion als eine Art Selbstschutz des Körpers bezeichnen.

Typisch für die Frühjahrsmüdigkeit sind Mattigkeit trotz ausreichenden Schlafes, Empfindlichkeit gegenüber Wetterveränderungen, Schwindel, Reizbarkeit, Kopfschmerzen, schmerzende Gelenke sowie eine gewisse Antriebslosigkeit. Manche Menschen klagen auch über ein verändertes Temperaturempfinden, etwa eine gesteigerte Kälteempfindlichkeit. Vor allem wetterfühlige Menschen sind von der Frühjahrsmüdigkeit viel öfter betroffen. Da besonders Menschen mit niedrigem Blutdruck anfällig sind, leiden auch eher Frauen unter den typischen Symptomen. Tendenziell sind ältere Menschen anfälliger als jüngere.

 

Vorbeugung hilft

Eine unmittelbare Therapie oder wirksame Medikamente gegen die Frühjahrsmüdigkeit gibt es nicht. Allerdings lassen sich die Symptome mildern und die Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens reduzieren. Der Kampf gegen die Frühjahrsmüdigkeit beginnt bereits mit der Vorbeugung im Winter. Sport und Bewegung an der frischen Luft sind in der kalten Jahreszeit vielleicht nicht jedermanns Sache, beides ist aber auf jeden Fall förderlich. Denn je durchtrainierter und je abgehärteter der Mensch ist, desto weniger schwer sind die Auswirkungen der Frühjahrsmüdigkeit. Hilfreich ist es, den Tag mit Wechselduschen zu beginnen und diesen anschliessend klar zu strukturieren. Sinnvoll und unterstützend sind zudem regelmässige Saunagänge, moderates Ausdauertraining oder Schwimmen.

Wem die Frühjahrsmüdigkeit trotzdem „in den Knochen steckt", der hat noch weitere Möglichkeiten, ihr entgegenzuwirken. Neben ausreichender Bewegung spielt auch eine ausgewogene Ernährung eine wesentliche Rolle. Der Körper braucht jetzt mehr Vitamine als üblich. Diese liefern etwa Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkornbrot. Ausserdem sollte man lieber mehrere kleinere Mahlzeiten zu sich nehmen statt weniger üppiger Speisen. Deren Verdauung ermüdet den Körper nämlich noch zusätzlich. Sinnvoll kann es zudem sein, auf Nahrungsmittel zurückzugreifen, die Tryptophan enthalten. Denn diese essenzielle Aminosäure wird im menschlichen Körper zu Serotonin umgewandelt. Zu den tryptophanhaltigen Lebensmitteln zählen z. B. Bananen, Nüsse, Sesam, Sojabohnen, Quinoa, Amaranth, Hafer und Hirse. Auf Alkohol, Schokolade und fetthaltige Lebensmittel sollte besser verzichtet werden. Als Nahrungsergänzung sind Produkte mit Gelee Royal, Ginseng, Guarana und Goji-Beeren zu empfehlen. Bestehen die gesundheitlichen Beschwerden jedoch über den Frühling hinaus weiter, sollte man unbedingt einen Arzt aufsuchen. Es gibt Krankheiten, die eine ähnliche Symptomatik wie die Frühjahrsmüdigkeit aufweisen. Die Beschwerden sollten abgeklärt werden, da sie für die folgenden Erkrankungen als Differentialdiagnosen gelten: 

• Schilddrüsenunterfunktion

• Schilddrüsenüberfunktion

• Depressionen

• Diabetes

• Anämie

• Vitamin-D-Mangel

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Frühjahrsmüdigkeit das körperliche Wohlbefinden sehr stark beeinträchtigen kann. Eine Krankheit im eigentlichen Sinne ist sie allerdings nicht. Doch man kann bereits in den Wintermonaten und auch noch im Frühling durch eine gesunde Lebensweise den unangenehmen Beschwerden vorbeugen.